Mit dem Velo nach Mostindien

(3/3) In diesem letzten Abschnitt erfährt endlich der geduldige Leser, wo denn Mostindien liegt. Mit einem Schiff, möglicherweise zur Mostindischen Handelsgesellschaft gehörend, überwand ich ein großes Meer, auch das Schwäbische genannt. Morgens bestieg ich also mit meinem Velo die Fähre in Lindau, und nach einem Halt in Wasserburg ging die Fahrt über den nebligen Bodensee in das schweizerische Rorschach.

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Ankunft im Hafen in Rorschach. Das große Gebäude ist das Kornhaus. Im Internet entdeckte ich den lesenswerten Artikel von Frank Göttmann, der mit dem Zitat „Schwaben ist der Schweiz Frucht- und Kornkammer“ überschrieben ist. Dort ist ein Holzstich abgebildet, in dem unter großem Jubel der Rorschacher nach den Hungerjahren 1816 und 1817 wieder das erste beladene Fruchtschiff am Kornhaus eintrifft. Die Ostschweiz, geprägt vom textilen Heimgewerbe (Spinnen und Weben), war auf Korn und Hülsenfrüchte aus Schwaben angewiesen.

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So, jetzt sind wir aber in Mostindien! Von Rorschach radelte ich an der Uferpromenade nach Arbon und bog dort zu meinem eintägigen Abstecher nach Mostindien ab. Mitte des 19. Jahrhunderts erfand eine humoristische Zeitung der Eidgenossen für alle Kantone und größeren Städte Verballhornungen. Viele Namen verschwanden, aber die Bezeichnung „Mostindien“ für den Kanton Thurgau blieb erhalten.

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Auf dem Weg nach Bischofszell sah ich viele Kühe. Vor Bischofszell wurde die Landschaft hügliger, und so war ich froh, dass ich nicht den ausgeschriebenen Radweg via Pelagibärg wählte. Zumal es wieder heiß wurde, dachte ich mir, wo ein Bärg ist, da gibt es auch ein Täli. Entlang der Sitter, anfangs auf einem Wanderweg, erreichte ich so Bischofszell im Thurtal.

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Hier steht mein Velo auf der Kradolfer Thurbrücke. Zuvor gönnte ich mir, im wahrsten Sinne des Wortes, in Bischofszell einen Döner und zwei Rivella. So gewöhnte ich mich rasch an das Preisniveau der Schweiz: Mit 15 Franken war ich dabei! In Sulgen verließ ich dann wieder das Thurtal und bog Richtung Bodensee ab.

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Zwischen Sulgen und dem Bodensee liegt ein Höhenrücken. Auf diesem begegnete ich in der Nähe von Berg einer Bauernfamilie beim Pflücken von Tafeläpfeln. Es war ihr erster Erntetag. Ich fragte den Senior, ob ich hier in Mostindien sei. Er erwiederte: „Genau in der Mitti!“ Mir ging es also nicht wie Kolumbus, der anstatt auf Inder zu treffen die Indianer entdeckte. Bei der Verabschiedung gab mir die freundliche Familie noch zwei leckere rotbackige Äpfel mit auf den Weg.

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In Langrickenbach, noch auf der Höhe aber schon in Bodenseenähe, trank ich dann dieses mostindianische Getränk. Nicht ganz in der klassischen Form, aber die Mischung aus vergorenem Most, naturtrübem Apfelsaft und Mineralwasser ist ähnlich unserem Radler an einem heißen Tag nicht von Nachteil.

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In der Collage entdeckt man die Straße, die von Langrickenbach nach Altnau zum See mit seinen Segelschiffen führt. Und auch einer der beiden rotbackigen Äpfel kurz vor seiner Einverleibung! Das mittelalterliche Stadttor fotografierte ich in Bischofszell. Bei der Tagestour sah ich, dass die Landschaft gut gepflegt ist. Die Schweiz scheint mit seinen Bauern gut umzugehen. Es gibt dort aber auch den Strukturwandel: Der Schriftzug „Die faire Milch“ verrät, dass es für die (weniger werdenden) Betriebe nicht immer einfach ist

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Auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz in Altnau hatte ich Glück: Letztendlich landete ich vorne am See! Auf einem Campingplatz fand ich ein Zimmer. So konnte ich noch ein erfrischendes Bad im Bodensee genießen. 🙂

Die Geschichte von der Reise mit dem Velo nach Mostindien ist nun fertig erzählt. Auf dem Schild steht „Hagnau 6 km“. Dort bin ich dann am nächsten Tag noch durch geradelt und nahm in entgegengesetzter Richtung das oben stehende Titelbild auf. Zuvor grüßte ich aber in Konstanz die Imperia und besuchte das beeindruckende Weinbaumuseum Vineum in Meersburg. Im Besen in Kippenhausen schloss ich mit badischem Seewein eine schöne Radreise ab. Am Tag darauf brachte mich die Schwäbische Eisenbahn ab Friedrichshafen wieder nach „Schtuagert“ zurück.

P.S.: Ein Freund meinte, es fehle ein Bild, auf dem der Radler zu sehen sei. Hier noch ein „Selfie“ direkt nach der Ankunft mit dem Rädle im Lindauer Hafen:

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