Verheerender Spätfrost – ein Rückblick auf das Jahr 2017 im Wengert

Ein dramatischer großräumiger Kälteeinbruch nach den Osterfeiertagen 2017 verursachte verheerende Schäden in der Natur. Ich erinnere mich, dass am Morgen des 20. Aprils am Fuß der westlichen Grunbacher Weinberge -7 Grad Celsius gemessen worden sind. Sei es bei uns im Remstal, an der Mosel, am Neckar oder in der Steiermark, überall sah man ähnliche Schadbilder im Netz. Auf meiner Rebfläche von 77 Ar verlor ich in dieser Frostnacht ca. 3/4 des grünen Austriebs. Wie es dazu kam, dass ich dann im Herbst doch noch knapp 60% von einem Volljahrgang ernten durfte, das möchte ich mit diesem dreiteiligen Rückblick mit genau 50 Bildern von mir ein wenig veranschaulichen.

(1/3) Der erste Teil der Bilderstrecke startet am 1. April und endet vier Wochen nach dem Spätfrostereignis.

2017_00b

1. April: Früh, zu früh, kamen die Reben wegen dem warmen Frühjahr aus der Winterruhe. Die Lembergerknospe ist bereits angeschwollen und im Wollstadium. Die Ruten „bluten“ und der Austrieb ist in vollem Gange. Noch mag der braune „Wollmantel“ etwas gegen den Spätfrost schützen, doch mit zunehmendem Austrieb steigt die Gefahr von Schäden verursacht durch einen Spätfrost an.

2017_00c

8. April: Bereits eine Woche darauf sieht man beim Lemberger die ersten kleinen grünen Blätter. Gut so, dass wir nun mit dem Schneiden und Binden im Wengert fertig waren.

2017_01

13. April: Am Gründonnerstag sind im Trollinger an dieser stehenden Frostrute schon die ersten Blätter entfaltet, den zwischenzeitlich gab es Tageshöchsttemperaturen von 25 Grad Celsius. In Kenntnis einer noch wagen Wettervorhersage twitterte ich: „Hoffentlich braucht man diese Ersatzrute nächste Woche nicht.“

2017_02

20. April: In der Woche nach Ostern gingen aber die Nachttemperaturen immer weiter in den „Keller“. Angst machte sich breit. In der Nacht vom 19. auf 20. April war es dann auch bei uns so weit. Nachmittags legte ich bei der Büroarbeit in Stuttgart eine Pause ein und besuchte den Weinberg auf der Karlshöhe. Dies war meine erste Begegnung mit den Frostschäden nach dieser Nacht. Braune erfrorene und grüne überlebende Triebe wechselten sich ab. Im heimischen Remstal sah es ohne den Schutz der „wärmenden“ Großstadt jedoch schlimmer aus:

2017_03

20. April: Dieses Bild nahm ich am Abend nach der verheerenden Frostnacht am Fuß der westlichen Grunbacher Weinberge auf. Während beim Spätfrost im April des Vorjahres (2016) an dieser Stelle der Austrieb in zwei Meter Höhe „locker“ überlebte, sieht man hier nur noch den braunen abgestorbenen Austrieb an den Frostruten einer Acolonrebe eines Kollegen. Meine Reben sind auf zwei Flächen an diesem Berg verteilt. Die Trollinger, welche im zweiten Viertel des Hangs (von unten gesehen) liegen, inspizierte ich zuerst:

2017_00_Titel

20. April: Die Trollinger machen in meinem Nebenerwerbsbetrieb einen großen Teil der Anbaufläche aus. Wenn man dann erstmals das Meer der vielen braunen abgestorbenen Triebe im eigenen Wengert sieht, dann nimmt man das nochmals intensiver auf. Bei den Trollingern liegt noch eine kleine Fläche Spätburgunder. Mein zweiter Wengert ist oben am Berg:

2017_04

20. April: Ganz oben am Berg haben wir einen „Gaiern“ Ruländer. Die unteren 3/4 des Weinberges sind aber Lemberger. Dort habe ich auch dieses Bild aufgenommen, welches repräsentativ für den Schaden beim Austrieb ist. Auf einen überlebenden Trieb kamen drei abgestorbene. Ob Ruländer und Lemberger im oberen Wengert sowie Trollinger und Spätburgunder weiter unten, überall das ähnliche Bild. Die Entwicklung an diesem Rebstock werden wir im weiteren Verlauf noch öfters sehen.

2017_05

20. April: Hier blieb im Lemberger ausversehen eine Ersatzrute nach dem Binden. Oben am Kopf des Berges hatte ich zuvor noch keine Spätfrostschäden erlebt. Man sieht nochmal deutlich den verheerenden Schaden dieser Frostnacht vom 19. auf den 20. April, in welcher bereits in den Abendstunden so gegen 21.30 Uhr die Nullgradgrenze unterschritten wurde. Die tiefsten Temperaturen dürften zwischen 6 und 6.30 Uhr am Morgen erreicht worden sein. Die agrarmeteorologische Messstation „Remstal“ (in Stetten) zeichnete um diese Zeit knapp -5 Grad Celsius in zwei Meter Höhe über dem Boden auf. Obige Zeitangaben in MESZ (= Sommerzeit) können mit Hilfe der „Wettergrafik“ von VitiMeteo am PC abgeleitet werden. Ich verwendete die Grafik mit der Einstellung „roh“. Es ist zu beachten, dass dort die Zeitangabe in MEZ erfolgt. Addiert man eine Stunde, so erhält man die Zeit in MESZ.

2017_06

21. April: In den Nächten danach gab es noch weitere Frostnächte. Den Schaden verursachte aber hauptsächlich die schlimmste (19. auf 20. April). Hier wieder ein Trollingeraustrieb, der mit „angesengten“ Blatträndern überlebte, dahinter zwei braune abgestorbene. Spätfröste im Frühling sind deshalb so gefährlich, weil beginnend bei der Nullgradgrenze sich Eiskristalle im grünen Austrieb bilden. Die Zellen werden dadurch zerstört.

2017_07

23. April: Eine runtergebogene Lembergerrute. Im Gegensatz zu der Aufnahme auf der Stuttgarter Karlshöhe vom 20. April „grünelt“ es hier im eigenen Weinberg im Hintergrund nur sehr wenig.

2017_08

23. April: Ein Lembergerbogen mit drei überlebenden Trieben. Wenn man so durchläuft, und ich bin oft durchgelaufen, dann fragt man sich, warum überlebt der eine Trieb, der andere direkt daneben stirbt ab? Es ist wohl so, dass Rebstöcke in der Lage sind, eigene „Frostschutzmittel“ zu produzieren. In so einer Frostnacht kämpft die Rebe also aktiv gegen den Frost an. Mein Gefühl war, wenn dann am Stock nur noch wenige Austriebe intakt waren, dann konnte die Rebe ihre ganze Kraft für das Verbleibende einsetzen. Selten sah ich einen Rebstock, wo gar kein Trieb überlebte. Die Anzahl der überlebenden Triebe an einem Rebstock mit zwei Bögen lag zumeist in dem Intervall zwischen 1 und 7.

2017_09

10. Mai: Für mich das schönste Bild des Jahres 2017. Auf einer Teilfläche von ca. 10 Ar, welche unten im Trollinger liegt und schon immer spätfrostgefährdet war, hatte ich noch Frostruten stehengelassen. Nach dem Runterbinden „grünelte“ es auch bei uns ein bisschen. Die Augen einer stehenden Frostrute sind weiter vom Boden entfernt. Dies reicht normalerweise zum Überleben der meisten grünen Triebe bei einem Spätfrost. Heuer (mit „heuer“ ist im Folgenden immer das Jahr 2017 gemeint) war die Situation schlimmer, da hat das nicht viel geholfen. Aber immerhin kamen pro runtergebogene Frostrute noch zwei bis drei grüne Triebe dazu.

2017_10

13. Mai: Die Augen am Bogenanfang dieser Trollingerrute haben dem Frost ein Schnäppchen geschlagen. Ihr Austrieb war solange unterdrückt, bis viele der grünen Triebe am Bogen in der Frostnacht abgestorben sind. Dieser Austrieb am Anfang des Bogens hat wesentlich dazu beigetragen, dass es nun im Weinberg grüner wurde. Eine Frostrute an diesem Rebstock hätte zusätzlich die Anzahl der Bogenanfänge auf drei erhöht. Der Austrieb am Bogenanfang ist zwar nicht so fruchtbar, aber in 2017 zählte eine jede Traube.

2017_11

17. Mai: Die Gescheine (welche nach der Blüte zu Trauben werden) der ersten Generation sind geboren. Zur ersten Generation ist in 2017 der Austrieb zu zählen, der die Frostnacht überlebte.

2017_12

17. Mai: Auch hier kämpft sich im Trollinger das Leben zurück.

2017_13

17. Mai: Nochmals ein Auge am Bogenanfang, dass nun mit einem Rückstand von mehreren Wochen austreibt. Warum war bisher der Austrieb am Bogenanfang unterdrückt? In der freien Natur will die Rebe möglichst schnell an einem Baum hoch und sich in der Baumkrone ausbreiten. Sie strebt nach oben, dem Licht entgegen. Deshalb werden die äußeren Augen einer Rebe bevorzugt beim Austrieb bedient, denn die äußeren Augen sind eigentlich auch die höheren (hätten wir sie nicht runtergebunden).

2017_14

17. Mai: Zum selben Zeitpunkt soll jetzt noch ein alter Spätburgunderstock betrachtet werden. Anfangs sahen die Spätburgunderstöcke genauso „mausetot“ aus, doch der Austrieb zahlreicher ruhender Augen im mehrjährigen Holz hatte das Bild deutlich verändert.

2017_15

17. Mai: Dieses Bild nahm ich nur eine Viertelstunde nach dem vorhergehenden auf. Und trotzdem ein ganz anderes Bild! Bei dieser Sorte und Lage im Weinberg eines Kollegen sieht man auch vier Wochen nach dem Spätfrost nur selten ein grünes Auge. So ist es auch zu erklären, dass es im Spätfrostjahr 2017 deutliche Unterschiede in den Erträgen gab.

Im zweiten Teil der Bilderstrecke sind wir rasch bei der Blüte mit dabei und sehen anschließend das zügige Wachstum der Traubenbeeren.

>> weiterlesen

Advertisements