#Pflanzjahr1968

Im letzten Jahr herbsteten wir unsern ältesten Wengert, die „Wölfleshalde“, zum 50. Mal. Auf Instagram habe ich deshalb im Jahr 2018 regelmäßig Bilder aus diesem Weinberg mit dem Hashtag „Pflanzjahr1968“ gepostet. In einer Bilderfolge von 24 Bildern fasse ich dies nun garniert mit etwas Textbeilage zusammen. Die Wölfleshalde wurde im Rahmen der Rebflurbereinigung in den westlichen Grunbacher Weinbergen von meinen Eltern 1968 neu angepflanzt. Davon stehen jetzt noch 13 Ar Trollinger und 7 Ar Spätburgunder.

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Im Februar startete ich den Rebschnitt in der Wölfleshalde, welche im schönen Remstal liegt. Noch sieht es aus wie im Urwald. Kein Wunder, die Rebe ist ein Lianengewächs. Auf Instagram poste ich die Bilder mit quadratischem Zuschnitt. Auch spiele ich gerne dort mit den Filtern, sozusagen die „Päcklessuppe“ meiner Bildbearbeitung. Nicht immer wird ein Bild durch einen Filter schöner. Dann gilt #nofilterneeded.

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Mit der Unterstützung meines Nachbarn Henning, der die Bögen aushob, habe ich die ersten knorrigen Spätburgunderstöcke geschnitten.

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Nach dem Schneiden reparierte ich Ende März die Holzposten, welche im Boden abgefault sind. Bei einer alten Anlage schlägt man am Besten mit der „Katz“ einen kürzeren „Stickel“ dazu und „drahtelt“ sie zusammen. Bei einer Altanlage mit Holzpfosten muss dies leider jährlich gemacht werden.

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Im Frühjahr war es noch feucht. Eine Schnecke eilte die Rute nach oben.

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Mitte April war das Binden auch im Trollinger abgeschlossen. Dabei wurde das einjährige Holz, aus dem in Kürze das neue Grün aus den Augen austrieb, runtergebogen und am untersten Draht festgemacht. Die Augen befanden sich in der „Wolle“.

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An der angrenzenden Wasserstaffel fühlen sich Eidechsen wohl. Die Wasserstaffeln wurden benötigt, da früher im Wengert alles gepflügt und gehackt wurde. Bei schweren Unwettern in den 70ern und 80ern hat es oft die Erde runtergeschwemmt. Nach jedem Pflügen mit dem „Binger-Seilzug“ zog man deshalb mit einer Schaufelhacke Quergräben entlang der Durchgänge mit Gefälle zur Staffel für eine effektive Wasserableitung. Das Ergebnis war, dass unter den Weinbergen alles geflutet wurde, auch die Ortschaft Grunbach. Die Erosion hatte man aber nicht immer in den Griff bekommen. Nach einem schlimmen Unwetter räumte zuerst der Gemeindetraktor mit seinem Schneeschild alle Weinbergwege, und danach mussten die Familien die Erde wieder nach oben schaffen. Im Laufe der Zeit wurden die Ertragswengert alle fast durchgängig begrünt. Das Problem verschwand. Eine Junganlage mit seinem offenen Boden muss man aber weiterhin durch eine Stroheinstreu vor Erosion schützen.

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Gänseblümchen und Löwenzahn im Wengert. Aufgenommen am letzten Tag beim Binden. Im Hintergrund sieht man auch mein abgestelltes Körbchen mit den Utensilien.

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Und hier die 50jährige Anlage, die mit 1,50 m Zeilenbreite eine „Schmalspuranlage“ ist. Mit angepasster Geschwindigkeit ist der Wengert aber mit meinem Schmalspurschlepper befahrbar. Im Wengert darüber, eine Junganlage eines Kollegen, schützt die abgestorbene Winterbegrünung vor Erosion.

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Austrieb im Spätburgunder (19. April).

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26. April: Besonders bei alten Spätburgunderstöcken gibt es am „Kopf“ zahlreiche überschüssige Triebe zu entfernen. Vor dem Ende der „Eisheiligen“, die mit der „kalten Sophie“ am 15. Mai abgeschlossen sind, ist man aber wegen einer noch möglichen Spätfrostgefahr manchmal zu vorsichtig bei diesen Ausbrecharbeiten.

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Ein Trollingergeschein am 8. Mai. Nun startet auch der Pflanzenschutz im Weinberg, da sich die Reben leider selbst nur wenig gegen die im 19. Jahrhundert aus Amerika eingeschleppten Pilzkrankheiten wie falscher und echter Mehltau wehren können. Die Zeit des Pflanzenschutzes, das „Spritzen“, erstreckte sich bis Ende Juli.

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Feuchte und Wärme ließen die Trollingertriebe rasch wachsen. Doch leider steigt dann auch die Gefahr von Unwettern mit Hagel. An diesen Tag (22. Mai) gab es nur wenige Kilometer entfernt tagsüber in Korb ein heftiges Unwetter mit vollgelaufenen Kellern. Und diese dunkle Gewitterwolke im Hintergrund entlud sich am Abend in Esslingen mit Hagel.

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Ein erstes Geschein, welches zu blühen begann, fand ich sehr früh am 25. Mai. Natürlich der Spätburgunder, der ist da gerne vorne mit dabei!

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Bei bestem Blühwetter hat sich der Spätburgunder (oben) innerhalb weniger Tage von Gescheinen zu Trauben verwandelt. Die Beeren legten nun rasch zu. Auch am 2. Juni aufgenommen ist der Trollinger (unten). Der spätreifende Trollinger ist ein paar Tage später dran.

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Der Klassiker im Wengert, eine Fußball-WM steht an, und im alten Spätburgunder wächst alles zu (Foto vom 9. Juni). Anfang/Mitte Juni hat man das größte Wachstum in den Reben. Eigentlich wäre man in den folgenden Wochen mit Fußballschauen genug beschäftigt, aber unser Team flog ja bald raus …

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Rasch wuchsen im Wengert die Beeren. Bei diesen kompakten Spätburgundertrauben war am 16. Juni bald der „Traubenschluss“, d.h. das Stielgerüst ist vollständig durch die Beeren abgedeckt.

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20. Juni: Im Urwald im Wengert kehrte nach dem Gipfeln und Mulchen Stück um Stück wieder Ordnung ein. Im Wengert sind bis über die Hälfte die Trollinger und im oberen Drittel die Spätburgunder.

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Im Trollinger rieten die amtlichen Weinbauberater, dort den Ertrag zu korrigieren, wo ein Überbehang drin ist. Die „grüne Lese“, also das Schneiden von Trauben auf den Boden, soll sicherstellen, dass die verbleibenden gut ausreifen. Diese Arbeit mag keiner so gerne, denn das richtige Maß finden ist schwer und ein Hagelunwetter könnte jederzeit den Ertrag nochmals reduzieren. Das Bild ist vom 11. Juli.

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13. August: Ich hoffte, dass diese Schauerfront im Tal auch die Grunbacher Wengert erreicht. Es hat kurz darauf auch 10 Minuten geregnet. Nicht lange, aber besser als gar nichts. Im Bild bereits blaue Spätburgundertrauben. Die alten Stöcke mit ihren tiefen Wurzeln konnten am besten mit der verherrenden Trockenheit im Sommer 2018 umgehen.

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Spätburgunder- (links) und Trollingertraube (rechts) am 1. September. Im Spätburgunder sind schon alle Trauben so durchgefärbt, im Trollinger habe ich eine der schönsten fotografiert. Letzterer ist aber auch eine spätreifende Sorte.

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21. September: Zum 50. Mal wurden heute die Spätburgunder (mit 103 Grad Oechsle!) gelesen. Dank der tiefen Wurzeln überstanden sie den Hitzesommer gut.

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Wenn der „Flip“ im Trollinger sitzt. Am Tag nach der Weinlese im Spätburgunder bin ich ein letztes Mal durch die Trollinger gegangen, um nochmals dort Trauben auf den Boden zu schneiden, wo immer noch eine Entlastung notwendig war. Die Trauben in einem Jahr werden bereits im Vorjahr in den Augen angelegt. Wegen dem Spätfrost im Frühjahr 2017 mit seinem Ertragsausfall hatten die Rebstöcke dann genügend „Muße“, reichlich Trauben für das Folgejahr anzulegen. Dies habe nicht nur ich in 2018 unterschätzt.

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Mit der Lese der Trollinger beendeten wir am 5. Oktober das Ernten im Jubiläumswengert. Versteckt in den Gassen sind die fleißigen Helfer.

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Die aktuelle Bilderserie im Jubiläumswengert Wölfeshalde schließe ich mit einem klassischen Instagram-Bild von einer Trollingertraube ab, auch aufgenommen am 5. Oktober.

Zum Schluss zeige ich noch ein Bild, welches vermutlich aus dem Jahr 1970 ist. Das Pflanzjahr war ja 1968, im Jahr 1969 gab es erstmals einen kleinen Ertrag (deshalb auch der 50. Herbst im Jahr 2018!) und im Jahr 1970 war der erste Vollherbst möglich.

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Nach einem sicherlich anstrengenden Lesetag stehen wir hier unter unserem ehemaligen „Spittelwengert“, der ebenfalls 1968 ausgelegt wurde. In den Holzzuber sind blaue Trollingertrauben, möglicherweise auch einige aus der benachbarten Wölfleshalde. Gezogen wurde das volle Gespann von unserem Kramer „KL 220“ mit 22 PS, noch ohne Sturzbügel und Verdeck. Auf dem Bild mit den Helfern sieht man meine Schwester auf den Armen ihrer Patentante Helene und mich bei unseren Eltern Ludwig und Anneliese. Das Bild hatte natürlich meine Patentante Frida geschossen, sie war die Einzige mit einem Fotoapparat in der Familie.

Unsere Eltern sind leider beide im letzten Jahr verstorben. Die Tanten schon früher. Ihnen und den zahlreichen bereits verstorbenen Herbsthelfern sei dieser Blogbeitrag in dankbarer Erinnerung gewidmet.